Sabine Aydt

Co-Creation of Meaning

In seinem Grundlagenwerk Experiencing and the Creation of Meaning1 beschreibt Eugene T. Gendlin die Rolle von Experiencing – annäherungsweise übersetzbar mit Körper-Erleben-Spüren – im Prozess der Entstehung von Bedeutung/Meaning. Ich möchte hier zeigen, inwiefern dieser Ansatz in Situationen von Fremdsein hilfreich sein kann, in denen es notwendig ist, die bereits etablierte Bedeutung einer Situation zu öffnen und gemeinsam mit anderen neue, frisch teilbare Bedeutung entstehen zu lassen.

Grundlage der Entstehung von Bedeutung

Gendlin sieht Experiencing als den Schlüssel zur Beschreibung von Bedeutung. Bedeutung wird demnach in der Interaktion von Erleben und etwas, das symbolisch funktioniert (Worte, Bilder, Gesten etc.), gebildet. Noch bevor wir Worte oder andere Symbole nutzen, erleben/haben wir eine präverbale, verkörperte, aber sehr präzise Empfindung, ein Erleben eines Wortes oder Symbols, das er als Felt Meaning (gefühlte Bedeutung) bezeichnet. Diese gefühlte Bedeutung ist ein komplexes, aber präzises intuitives Wissen darüber, was etwas für uns bedeutet. Es kann sich, beispielsweise beim Begriff „Freundin“, als ein warmes Gefühl im Bauch oder als Spannung in der Brust oder auch in aufkommenden Bildern, Erinnerungen oder Gefühlen bemerkbar machen.

Dynamischer „Zickzack-Prozess“

Es gibt eine bidirektionale Beziehung zwischen gefühlter Bedeutung und Symbolen. Die Reichhaltigkeit der gefühlten Bedeutung „unterfüttert“ die Bedeutung von Wörtern und Konzepten (z.B. „Freundin“). Umgekehrt können Worte und Konzepte eine reiche gefühlte Bedeutung hervorrufen. Dieser „Zickzack-Prozess“ zwischen gefühlter Bedeutung und Symbolen ermöglicht eine dynamische Entwicklung von Bedeutung(en) und damit auch Lernen. Er kann neuen Sinn stiften und uns dazu führen, unsere Konzepte zu modifizieren, anstatt in ihnen gefangen zu bleiben oder in Widersprüchen zu enden.

Präzision jenseits von Worten

Das erlebte implizite Körperwissen ist nicht nur auf Worte bezogen, sondern auch auf Situationen (z.B. die Atmosphäre beim Betreten eines Raumes). Die gefühlte Bedeutung ist präziser als das, was wir explizit ausdrücken können, da sie nicht auf Worte beschränkt ist und die gesamte Komplexität und Vielschichtigkeit vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Situationen erfassen kann. Wenn wir diesen Zustand des noch nicht Wissens – „es gibt etwas Relevantes, wofür ich noch keine Worte habe“ – wertschätzen, können sich neue Perspektiven und Bedeutungen eröffnen.

„Dort, wo die Sprache aufhört, wohnen wir wirklich. Dort ist ein stiller Raum – der Ursprung alles Neuen, jeder Veränderung…“
– Gene Gendlin

Kulturelle Kompetenz und Selbstwirksamkeit

Gendlin argumentiert, dass die Nutzung von gefühlter Bedeutung in Sprache und Situationen eine essentielle kulturelle Kompetenz ist. Wir tun dies laufend, aber meist, ohne es zu beachten. Gendlin entwickelte die Methoden Focusing und Thinking at the Edge , durch die wir üben, bewusst die Aufmerksamkeit auf den Prozess von Bedeutungsentstehung zu richten.

Diese Fähigkeit bewusst nützen zu können, verbessert das Gefühl der Selbstwirksamkeit, was in Situationen der Unsicherheit und Fremdheit entscheidend ist. Anhand dieser Methoden lassen sich auch Schritte konkretisieren, wie wir gemeinsam mit anderen neue geteilte Bedeutung(en) entstehen lassen können. Auf diese Art Co-Kreativität zu praktizieren, stärkt das Gefühl von Verbundenheit über Unterschiede hinweg und wirkt Spaltungs- und Trennungstendenzen entgegen.

Diese Zusammenhänge habe ich genauer in meinen Artikeln Co-creation of Meaning through Experiencing: How to transform an alienating situation into a situation of belonging? und „Interaction first“ – Die Synergie zwischen transkulturellem Lernen und Focusing ausgeführt.   

  1. Eugene T. Gendlin: (1962): Experiencing and the Creation of Meaning. A Philosophical and Psychological Approach to the Subjective. ↩︎