Sabine Aydt

Focusing

Focusing ist eine körper- und erlebensorientierte Methode, um mit dem inneren Erleben in achtsamen Kontakt zu kommen – besonders dann, wenn etwas noch nicht ganz klar, widersprüchlich oder festgefahren ist.

Man hört dem Körper zu – nicht den oberflächlichen Gedanken, sondern dem tiefer liegenden, oft noch wortlosen, aber bedeutsamen Wahrnehmungen, dem Felt Sense. Daher auch die Bezeichnung Felt Sensing. Daraus kann etwas Neues entstehen: Klarheit, Entspannung, neue Sichtweisen, Veränderung.

Ursprünglich von Eugene T. Gendlin in der Psychotherapie entwickelt, ist Focusing heute weit mehr: ein Werkzeug für Persönlichkeitsentwicklung, Entscheidungen, Dialogprozesse – und sogar für gesellschaftliche Entwicklung. Focusing ist erlernbar, es basiert auf philosophischen Studien und praktischen Erfahrungen und wird weltweit angewendet.

Warum ist das wichtig?

In einer Welt voller Unsicherheiten, Informationsflut und polarisierten Debatten stoßen klassische Lösungswege oft an Grenzen. Viele Probleme können nicht auf der Inhaltsebene gelöst werden, sondern unter Einbeziehung der Erlebens- und Beziehungsebene.

Focusing hilft dort weiter, wo Argumente festgefahren sind, Gefühle verwirren oder Handlungsmöglichkeiten blockiert sind oder schlicht noch nicht zur Verfügung stehen. Es ermöglicht inneres Sortieren, emotionale Entlastung und neue Perspektiven, jenseits von reiner Analyse oder schnellen Lösungen. Wenn wir zu unseren kognitiven Fähigkeiten die Wahrnehmung des körperlichen Erlebens hinzunehmen, hilft das, innerlich wieder Boden zu finden. Es bringt uns zurück in Beziehung – mit uns selbst, miteinander, mit dem, was uns wichtig ist.

Gene Gendlin folgte dem Motto „giving therapy away“ und wollte Focusing allen Menschen zugänglich machen. Mary Hendricks-Gendlin setzte sich dafür ein, diese Fähigkeit, wie Lesen und Schreiben von Kindheit an zu vermitteln und nannte dies „Focusing literacy“. Wenn man Focusing erlernt hat, steht es ein Leben lang ohne weitere Kosten zur Verfügung und kann allein oder in Peer-to-Peer Settings praktiziert werden.

Das verändert nicht nur Einzelne, sondern kann ganze Systeme beeinflussen: Teams, Organisationen, Gemeinschaften.

Erfahrungsberichte aus der Praxis

Die folgenden Beispiele dienen der Veranschaulichung. Es gibt darüber hinaus viele weitere Anwendungsmöglichkeiten.

Foto: Ulrich Aydt

Gesellschaftliche Bedeutung

Focusing stärkt Wohlbefinden, Beziehungskompetenz, innere Orientierung und Selbstverantwortung – nicht nur individuell, sondern auch kollektiv.

Den Erfahrungen von Erschöpfung, Spaltung und Komplexität setzt Focusing eine neue Kultur des Zuhörens und Handelns entgegen. Es setzt ein Gegengewicht zu den rasanten Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz, indem es uns mit dem körperlich verankerten Wissen verbindet. Es hilft Menschen, sich selbst zu spüren und daraus heraus bewusste, sinnstiftende Entscheidungen zu treffen.

Als Praxis unter Gleichgestellten angewandt fördert Focusing eine egalitäre, demokratische Haltung und ist finanziell niederschwellig zugänglich.

Ob in Peer-to-Peer Settings, Therapie, Bildungseinrichtungen, Unternehmen, sozialen Institutionen, NGOs oder Kommunen: Focusing kann eine Schlüsselpraxis für psychische Gesundheit, Zusammenarbeit und gesellschaftlichen Wandel sein.

“If you can pause and feel what is really going on inside you – the next step will come from that.”
— Eugene Gendlin

Weitere Informationen

Zu meinen Angeboten, um Focusing kennenzulernen

Zu Eugene T. Gendlins Leben und Werk

Eugene Gendlin Wikipedia

In Memoriam Eugene Gendlin

Three Key Aspects of Focusing, Ann Weiser Cornell

https://focusingresources.com/three-key-aspects-of-focusing/

Eine typische Focusing Sitzung, Johannes Wiltschko

https://www.youtube.com/watch?v=mRfYDIY7Dq0

Foto: Ulrich Aydt