Sabine Aydt

Fremdsein

In Anlehnung an mein Vorwort in: Krüger, Simone (2021): Soziale Arbeit mit Muslimen. Professionelle Kompetenzen im interkulturellen Kontext.

Der Soziologe Zygmunt Bauman1 bringt in zwei Sätzen auf den Punkt, wie viele Fachkräfte die Herausforderung der Arbeit in Zuwanderungsgesellschaften beschreiben würden:

„Es gibt Freunde und Feinde. Und es gibt Fremde.“

Wider die Spaltung

Viele Berater:innen, Lehrer:innen, Sozial:arbeiterinnen etc. sind motiviert, dazu beizutragen, dass aus Fremden soweit wie möglich Freunde werden. Das ist ein hoher Anspruch und realistischer Weise ist das nicht immer möglich. Der allgegenwärtige, fremdenfeindliche Diskurs lebt davon, Fremde und Feinde gleichzusetzen und damit immer neue Herausforderungen zu schaffen. Dazu wird mit kollektiven Zuschreibungen und Pauschalisierungen gearbeitet. Wir erleben tagtäglich wie die Gesellschaft durch Freund-Feind Schemata gespalten wird. Insbesondere das Schema Muslime = die Anderen = die Feinde vs. christliche Europäer = wir = Freunde ist dabei seit Jahren sehr wirkmächtig. Daher ist oft schon viel erreicht, wenn das Ergebnis professioneller Anstrengungen darin besteht, Feindschaft verhindert zu haben.  

Begegnen und Befremden

Eine andere Perspektive lädt dazu ein, sich auf das Fremdsein – als eigenständige Position jenseits von Freund und Feind einzulassen.  Betrachten wir das Potenzial, das in der Situation des ein-ander Fremdseins liegt: Es ist eine wechselseitige, (ergebnis)offene Situation, eine Situation des Zwischen2 in der es (noch) nicht möglich ist, die andere Person eindeutig als Freund oder Feind einzuordnen. Dieser Freiraum kann genützt werden. Verschiedene, auch widersprüchliche Aspekte der anderen Person können sich zeigen. Das erste Bild, das wir uns voneinander machen, kann in Frage gestellt werden, sich verändern. Wenn es gelingt, die eindeutige Zuordnung eine Weile hinauszuschieben und Beurteilungen in Schwebe zu halten, kann ein Prozess des Kennenlernens beginnen. Ein neues Selbst- und Fremdverständnis kann und muss sich der mehrdeutigen, gemeinsamen Situation entsprechend frisch herausbilden. Fremdheitsfähigkeit basiert auf der durchaus nicht einfachen Aufgabe, dem Befremden diese produktive und kreative Qualität abzugewinnen.

Mert Serbest, ITS Arcademy Trieste: Borderless. A creative journey beyond boundaries
https://borderless.itsweb.org/

Relationales Handeln

Professionelles Handeln im Kontext von Fremdsein hat aus dieser Perspektive das Ziel, die Interpretation einer konkreten Situation so lange offen für verschiedene Deutungen zu halten, bis die Beteiligten sich sinnvoll zueinander in Beziehung setzen und situationsadäquate Handlungsmöglichkeiten entwickeln können. Die spannende Frage lautet: „Was spielt sich da zwischen uns ab?“ Und: „Wie können wir miteinander in Beziehung bleiben?“ Oft schließt das jeweils vorhandene, schon fertig strukturierte Wissen, das „den anderen verstehen“, ja andere, neue Beziehungs- und Handlungsmöglichkeiten aus.

Es ist notwendig, sich behutsam durch ein unübersichtliches Terrain zu bewegen, in dem viele Fallstricke lauern. Es braucht Mut, sich darauf einzulassen, gemeinsam mit anderen, fremden Menschen kulturell kreativ zu werden. Wer neugierig ist und gut zuhört, kann aus den Fallstricken feine Fäden herausziehen und neu verweben, sodass sie einen Teppich ergeben, auf dem wir uns als Gäste in einer gemeinsamen Welt für eine Weile niederlassen können.

Zum Weiterdenken

Hier geht es zu vertiefenden Texten zu Co-Creation of Meaning, Experiencing und Focusing im inter/transkulturellen Kontext.

Ein wunderbares Beispiel für das Gelingen von Begegnung im Kontext von Fremdsein zeigt der Film Atelier de Conversation des österreichischen Filmemachers Bernhard Braunstein.

  1. Bauman, Zygmunt (2005): Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit. ↩︎
  2. Jullien, Francois: (2017): Es gibt keine kulturelle Identität. ↩︎