Sabine Aydt

Kulturelles Lernen

Eltern, die ihren Kindern beibringen wollen, mit dem Fahrrad zu fahren, schreiben für gewöhnlich keine Lehrbücher. Sie kaufen oder borgen ein Fahrrad. Sie zeigen dem Kind, wie man den Lenker, die Pedale und die Bremse handhabt. Sie suchen eine geeignete Übungsfläche. Sie halten Kind und Fahrrad und laufen nebenher. Immer wieder. Sie rufen: „Tritt!“ und hoffen, dass es klappt. Die Eltern wissen, wie man Fahrrad fährt und dennoch ist die Situation für Eltern und Kind eine Herausforderung. Die Herausforderung ist sogar noch wesentlich größer, wenn Erwachsene Radfahren lernen wollen oder sogar müssen. Sie bringen bereits viele – hilfreiche oder auch hinderliche – Vorerfahrungen mit. Dieses Beispiel für das Erlernen einer Kulturtechnik ähnelt der Situation in Weiterbildungen zum Themenfeld Kultur, Inter- und Transkulturalität.

Kulturelle Kompetenzen erlernen wir, ähnlich wie unsere Erstsprache, normalerweise in unserer sozialen Umwelt von Bezugspersonen, nicht aus dem Lehrbuch oder in einem Seminar. Dennoch gibt es in Situationen von Fremdheit oder kultureller Komplexität das nachvollziehbare Bedürfnis, durch eine Weiterbildung zu verstehen, „wie es geht“, bevor man sich mitten in einen noch fremden „kulturellen Straßenverkehr“ begibt, insbesondere, wenn man bereits den einen oder anderen Sturz hinter sich hat. Deshalb hat sich in den letzten Jahrzehnten die interkulturelle und später transkulturelle Bildung als Lehr- und Lernfeld etabliert.

Kulturelles Wissen weitergeben

Wie lässt sich nun eine kulturelle Erfahrung so „einfangen“, dass sie sich auch vermitteln lässt? Um die Schwierigkeit zu beschreiben, möchte ich eine metaphorische Geschichte erzählen. 

Sommerflimmern über der Wiese, nackte Kinderfüße im Gras. Es summt und surrt warm rund um mich. Da plötzlich eine Bewegung in der Luft, ein Grashüpfer, fast auf Nasenhöhe. Ich hocke mich hin, das Gras kitzelt zwischen den Zehen. Warten und die Luft anhalten, bis einer in mein Blickfeld kommt. Die Hände formen schon den kleinen Hohlraum, in dem ich ihn einfangen will. Da zittert ein Grashalm, er obenauf. Ich ahne schon die Berührung. Ein Zögern: Darf ich das? Das Lebendige lockt, zieht mich an. Ich will es ergreifen. Nah- näher- ganz nah.- Jetzt!

Es ist gelungen. Im nächsten Augenblick spüre ich die Bewegungen des kleinen Fremdlings in meinen Handflächen. Wir berühren einander. Ich halte ihn, es ruckt und zuckt und kitzelt ein wenig an meiner Haut. Ich habe ihn in der Hand, aber ich sehe ihn nicht, kann ihn nur halten. Durch jede kleine Öffnung der Finger würde er entwischen. Dann kehrt Ruhe ein.

Nun will ich ihn herzeigen. Da ist das vorbereitete Gurkenglas, groß und bauchig. Ich habe etwas Gras hineingestopft für ihn. Mit Mühe bringe ich ihn in den Behälter. Dann die Hand fest auf die Öffnung pressen und mit der anderen den Deckel schließen. Auch der Deckel ist vorbereitet, hat Löcher, die ich hineingebohrt habe, damit der Fremdling atmen und weiter eben kann. Ich kann ihn beobachten, sogar ganz aus der Nähe. Ich sehe seine bebenden Fühler und seine langen Beinchen. Er hält still. Aber etwas hat sich verändert. Es riecht nicht mehr nach Sommer.

Vom Erleben zum Stück Wissen

In dieser kleinen Geschichte berichte ich davon, dass ich etwas mit einem anderen Lebewesen erlebt habe. Wenn ich das herzeigen und weitergeben möchte, muss ich das Erleben in Worte fassen. Ein Begriff hat den Vorteil, dass er sich von der konkreten Erfahrung lösen kann, sie aber dennoch „transportiert“. Er ermöglicht es, Aussagen zu machen, sich mitzuteilen und Erfahrung weiterzugeben.

Aber bei diesem Vorgang entzieht (abstrahiert) man der Erfahrung Lebendigkeit und sie verwandelt sich in ein „Stück Wissen“. Die Erfahrung geschieht in der Begegnung mit dem Lebewesen (dem Grashüpfer in der Hand). Das Wissen, das man man über den begrifflich erfassten „Gegenstand“ (den Grashüpfer im Glas) erwirbt, ist anders. Es ist verlockend, zu denken, dass der Begriff die lebendige Erfahrung wie ein Behälter umfasst. So kommt es aber leicht zu einer Verwechslung zwischen Inhalt und Behälter: Der Behälter muss unsichtbar sein (wie Glas), damit das lebendige Wesen darin sichtbar ist. Dann scheinen Behälter (Abstraktion) und das Lebewesen im Behälter ein und dasselbe zu sein.

Und wieder zurück zur Lebendigkeit

Das im Begriff „Kultur“ gefasste lebendige „Wesen“ rennt aber immer wieder an die unsichtbaren Grenzen des Behälters an. Dieses Anstoßen an die Grenzen des Begriffes ist nicht nutzlos. Es erinnert daran, dass es immer mehr gibt, als das bereits benennbare Wissen. Wer kulturelles Wissen weitergeben oder kennenlernen will, muss die abstrakten Begriffe immer wieder „öffnen“ und an das Erleben rückbinden. (Kulturelles) Leben setzt sich nicht aus fertigen „Wissensstücken“ zusammen, es ist in Bewegung und in Beziehung. Kulturelles Lernen bedeutet für mich, herauszufinden, wie ich mit anderen Lebewesen so zusammenleben kann, dass sich unsere Begegnungen lebendig fortsetzen.

Wenn Sie nun einen Text oder Ansatz zum Themenfeld Kultur, Fremdsein, Inter- und Transkulturalität vor sich haben, dann können Sie ihn als einen Erfahrungsbericht lesen. Menschen, denen das Begreifen von Erfahrungen des Mit-anderen-Seins, des ein-ander Begegnens und Bewegens, ein wichtiges Anliegen ist, versuchen ihre Erfahrungen mitzuteilen. Wenn Sie ein wenig Zeit mit diesen Texten verbringen, können Sie beobachten, wie sich Ihr eigenes Erleben beim Lesen verändert. Sie können den Autor:innen dann Fragen stellen, um mit einander zu lernen und eine lebendige Entwicklung zu kultivieren.

Lebendigkeit kultivieren

Wie das Verständnis von Experiencing, Focusing und das Wahrnehmen des Felt Sense dies unterstützen können, können Sie unter Co-Creation of Meaning und in meinem Artikel zur Synergie von Focusing und transkulturellem Lernen nachlesen.

Wie ich an der sehr kognitiv-abstrakten Vermittlung interkultureller Kompetenzen gescheitert bin, habe ich in meinem Buch An den Grenzen der interkulturellen Bildung. Eine Auseinandersetzung mit Scheitern im Kontext von Fremdheit reflektiert.

Weiterlesen

Hier eine Auswahl an Texten, die mich inspiriert haben:

Bennett, Milton: Paradigmatic assumptions of intercultural communication. Online verfügbar.

Bennett, Milton, Castiglioni, Ida (2004): Embodied ethnocentrism and the feeling of culture: A key to training for intercultural competence. Online verfügbar.

Bion, Wilfred (1992): Lernen durch Erfahrung

Bolten, Jürgen (2014): „,Kultur’ kommt von colere: Ein Plädoyer für einen holistischen, nicht-linearen Kulturbegriff.“ In Kultur und Interkulturalität. Interdisziplinäre Zugänge. herausgegeben von Elias Jammal, 85-108.

Eagleton, Terry (2009): Was ist Kultur? Eine Einführung.

Genlin, Eugene (1997): On Cultural Crossing. Online verfügbar.

Gergen, Kenneth J. (2009): Relational Being. Beyond Self and Community.

Gürses, Hakan (1998): Der andere Schauspieler. Online verfügbar.

Hall, Edward T. (1959): The Silent Language. Online verfügbar.

Jullien, Francois (2017): Es gibt keine kulturelle Identität.

Künkler, Tobias (2011): Lernen in Beziehung. Zum Verhältnis von Subjektivität und Relationalität in Lernprozessen.