Sabine Aydt

Lernen durch Erfahrung

Als Trainerin folge ich dem Verständnis von „Lernen durch Erfahrung“ nach Kolb (1984)1 , das Lernen als Transformation durch einen Prozess bestehend aus praktischer Erfahrung, Reflexion, theoretischer Konzeption und Experimentieren beschreibt.

Kolbs Experiental Learning Theory beschreibt den idealen – menschlichen – Lernprozess in vier Schritten:

  • Erleben (konkrete Erfahrung)
  • Reflektieren (reflexive Beobachtung)
  • Denken (abstraktes Konzeptualisieren)
  • Handeln (aktives Experimentieren).

Diese Phasen sind eigentlich ein Lernzyklus. Man kann in diesen Lernkreis in jeder Phase eintreten und dann die weiteren durchlaufen, z.B. mit einer konkreten Erfahrung beginnen und dann reflektieren etc., oder sich mit einem abstrakten Konzept beschäftigen und dann experimentieren etc.

Wenn es in einem Training gelingt, einen solchen Lernzyklus vollständig zu durchlaufen, spüre ich oft, dass es sich für alle „rund“ anfühlt, vollständig Sinn macht.

There are two goals in the experiential learning process. One is to learn the specifics of a particular subject, and the other is to learn about one’s own learning process.
– David Kolb

Dabei habe ich über mich selbst gelernt, dass ich sehr gerne mit konkreten Erfahrungen und Erlebensmöglichkeiten beginne, als Lernende und als Trainerin.  

Umsetzung

In meinen Focusing Trainings spielt das Erleben die zentrale Rolle. Durch Übungen können die Teilnehmenden lernen, ihre Aufmerksamkeit auf das Körper-Erleben-Spüren zu richten. Im Anschluss erfolgt ein Austausch über das Erlebte und eine Einordnung in Konzepte, die die Philosophie Eugene Gendlins zur Verfügung stellt. Anhand dessen können die Lernenden selbst und in Peer-to-Peer Settings weiter damit experimentieren und selbstbestimmt ihre eigenen Zugänge zum Felt Sensing entwickeln.

In meinen Angeboten zum kulturellen Lernen und Fremdsein oder in der politischen Erwachsenenbildung wird der Zugang zu den Erfahrungen meist durch das Erzählen von Geschichten aus dem eigenen Leben ermöglicht. Dazu eignen sich Erzählkreise oder ein Austausch in Kleingruppen. In einer folgenden Reflexion können die partikularen Erfahrungen rückgebunden werden auf eine soziale, kulturelle bzw. politische Ebene. Muster und Strukturen werden erkennbar und Handlungsimpulse können abgeleitet werden.

Das unmittelbare Handeln steht beim Playback Theater im Mittelpunkt. In dieser Form des improvisierten Theaters greifen die Spieler:innen Erzählungen der Zuschauer:innen auf und setzen diese spontan in Szenen um. Das Erzählen, Zuhören und Wiedergeben schafft einen gemeinsamen Erfahrungsraum aller Beteiligten. Das Wieder-Sehen der eigenen Geschichte ermöglicht den Erzählenden eine Reflexion des Erlebten. In meine Trainings lasse ich gerne auch Elemente des Playback Theaters einfließen, da sie Bewegung und Körperausdruck einbeziehen und oft auch ohne Sprache auskommen.

Über die Möglichkeiten von Erzählworkshops habe ich gemeinsam mit meiner Kollegin Dr.in Katharina Novy in unserem Artikel Frauenleben – Verständigung und Ermutigung in kulturell heterogenen Erzählworkshops reflektiert.

Die theoretischen Grundlagen zum Lernen durch Erfahrung und zur Entstehung von Neuem habe ich in meinem Buch An den Grenzen der interkulturellen Bildung. Eine Auseinandersetzung mit Scheitern im Kontext von Fremdheit erarbeitet. Besonders inspiriert haben mich dabei der Psychoanalytiker Wilfred Bion2 und der Philosoph Otto Bollnow3.

Kommen wir ins Gespräch!

  1. Kolb, David (1984): Experiential Learning: Experience as the Source of Learning and Development ↩︎
  2. Bion, Wilfred (1992): Lernen durch Erfahrung ↩︎
  3. Bollnow, Otto Friedrich (1981): Philosophie der Erkenntnis. Das Vorverständnis und die Erfahrung des Neuen. ↩︎