Sabine Aydt

Scheitern

In meiner intensiven Auseinandersetzung mit dem Scheitern der interkulturellen Bildung1 habe ich Scheitern als Erfahrung untersucht.

Als Scheitern bezeichne ich die schmerzhafte Erfahrung der dauerhaften Unmöglichkeit, ein subjektiv und/oder sozial bedeutsames Ziel, das willentlich verfolgt wurde, zu erreichen.
(Aydt 2015: 140)

Diese Erfahrung führt an eine Grenze des Handelns und beinhaltet aber auch die Möglichkeit, dass an dieser Grenze bzw. durch die Grenzerfahrung Neues entsteht. Scheitern regt in mehrerer Hinsicht zum Umdenken an.

Scheitern als medialer Akt

Es ist unmöglich, die Erfahrung des Scheiterns willkommen zu heißen und dennoch kann man sich auf das Scheitern zu bewegen oder sich abwenden. Man ist am Scheitern aktiv beteiligt und gleichzeitig muss man sich unterwerfen. Scheitern kann „nur im Rahmen eines Selbstwiderspruchs gedacht werden“ (Junge 2004: 15)2.

Einen solchen Akt bezeichnet Meyer-Drawe als „medialen Akt“. Das „Medium“ ist eine Form des Verbs im Griechischen, bei der „jemand und etwas nicht als Subjekt und Objekt konfrontiert“ sind (Meyer-Drawe 151f)3. Das Subjekt befindet sich in einem Prozess. Käte Meyer-Drawe nennt als typisch mediale Akte: „sich freuen, sich täuschen oder auch geboren werden, altern, und aufwachen. Allen diesen Vollzügen ist gemeinsam, dass wir selbst daran beteiligt sind, ohne sie auszulösen. Wir sind dabei nicht lediglich passiv, aber auch nicht ausschließlich aktiv.“
(Aydt 2015: 142)

Der Gedanke von Scheitern als Erfahrung und medialem Akt, in dem Subjekt und Objekt nicht eindeutig trennbar sind, hat weitreichende Konsequenzen.

Er „bedeutet, dass dann auch der Verlust der Vorstellung einer absolut und prinzipiell ziehbaren Grenze zwischen Subjekt und Objekt, Handlung und Nicht-Handlung, zwischen aktiv und passiv, zwischen Ich und Welt, innen und außen, Ursache und Wirkung […] ertragen werden muss.“
(Aydt 2015: 142)

Von der Trennung zur Relationalität

Am Beispiel des Scheiterns lässt sich zeigen, wie das in den europäischen Wissenschaften vor allem seit der Aufklärung etablierte Paradigma von Getrenntsein – von Innen und Außen, Ich und Welt, Geist und Körper – an der Erfassung von Lebenserfahrungen scheitert. Die Auseinandersetzung mit dem Scheitern führte in meiner Arbeit zur Notwendigkeit und Möglichkeit, ein Leben in nie völlig getrennter Relationalität oder Bezogenheit zu denken (siehe auch Übergangsräume) und mich als ein relationales Ich, ein Ich-in-der-Welt zu verstehen.

Erst einige Jahre später fand ich mit diesen Gedanken Anschluss bei Eugene Gendlin. Aus seiner Perspektive gibt es kein Getrenntsein von Mensch und Umwelt. Er betont dass die Haut keine absolute Grenze von Innen und Außen darstellt und illustriert das mit dem Atmen.

Körper und Umwelt sind ein Ereignen, ein Prozess: zum Beispiel ‚Einströmen-von-Luft-in-Lungen-und-Blutzellen‘. Wir können dieses Ereignis sowohl als Luft (die einströmt) oder als Lungen und Körperzellen (in die Luft einströmt) betrachten. Es ist immer ein einziges Ereignis, einmal vom Körper und einmal von der Umwelt aus gesehen.“
(Gendlin 2015, 49)4 

Interaktion zuerst

Daraus leitet Gendlin ab, das Interaktion immer zuerst kommt. Es ist nicht notwendig, getrennte Subjekte miteinander in Beziehung oder Interaktion zu bringen, Interaktion geschieht zuerst: „Interaktion zuerst“ (Gendlin 2015, 94). Aus dieser Sicht ist auch Scheitern nicht eine Situation, in der ein getrenntes Ich am Widerstand der äußeren Umwelt scheitert, sondern eine Interaktion, ein einziges Ereignis, an dem Mensch und Umwelt beteiligt sind.

Das Potenzial dieser umfassenden relationalen Perspektive hat auch Kenneth Gergen in seinem Grundlagenwek Relational Being5 ausgearbeitet. Das Erreichen und Aufrechterhalten dieser Perspektive geschieht nicht automatisch. Sie muss von den Beteiligten erlernt und praktiziert werden.

Wie lässt sich relationales Denken kultivieren?

In meinem Artikel „Interaction first“ – Die Synergie zwischen transkulturellem Lernen und Focusing, bin ich der Frage nachgegangen: Wie lässt sich relationales Denken und Handeln praktisch kultivieren? Ich habe herausgearbeitet, inwiefern mit Focusing relationales Sein erlebt, reflektiert, konzeptuell begriffen und praktisch gestaltet werden kann. Darüber hinaus habe ich aufgezeigt, wie die dabei entwickelten Fähigkeiten der transkulturellen Praxis zugutekommen.

„Das Zusammen-Geschehen von dir und mir macht uns beide unmittelbar anders, als wir sonst sind. Genauso wie mein Fuß im Wasser nicht den gleichen Fußabdruck wie im Gehen ausüben kann, geschehen wir unterschiedlich, wenn wir einander Umwelt sind. Wie du bist, wenn du auf mich wirkst, ist schon durch mich beeinflusst, aber nicht, wie ich gewöhnlich bin, sondern durch mich, wie ich geschehe mit dir.“
(Gendlin 2015, 95)

  1. Sabine Aydt (2015): An den Grenzen der interkulturellen Bildung. Eine Auseinandersetzung mit Scheitern im Kontext von Fremdheit. transcript. ↩︎
  2. Matthias Junge (2004): Scheitern: Ein unausgearbeitetes Konzept soziologischer Theoriebildung und ein Vorschlag zu seiner Konzeptionalisierung. In: Matthias Junge und Götz Lechner (Hg.): Scheitern: Aspekte eines sozialen Phänomens. VS Verlag für Sozialwissenschaften. ↩︎
  3. Käthe Meyer-Drawe Käthe Meyer-Drawe (2005): Anfänge des Lernens. In: Dietrich Benner (hg.): Erziehung – Bildung – Negativität- Zeitschrift für Pädagogik. 2005 (49) ↩︎
  4. Eugene Gendlin (2015): Ein Prozess Modell. Verlag Karl Alber. ↩︎
  5. Kenneth J. Gergen (2009): Relational Being. Beyond Self and Community. Oxford University Press. ↩︎