Aus: Sabine Aydt (2015): An den Grenzen der interkulturellen Bildung. Eine Auseinandersetzung mit Scheitern im Kontext von Fremdheit, S. 173ff
In Vom Spiel zur Kreativität (2010)1 schlägt Donald W. Winnicott die Brücke von der frühkindlichen Entwicklung bis zum kulturellen Erleben. Der englische Psychoanalytiker beschäftigt sich vor allem mit der frühkindlichen Entwicklung. […] Winnicott geht basierend auf Freud davon aus, dass es eine lebenslange Aufgabe des Menschen ist, die innere, subjektive Realität und die äußere, objektive Realität miteinander in Beziehung zu setzen (ebd. 23). Und [… er ] siedelt […] genau in diesem Spannungsfeld die Idee der Kultur an. Für Winnicott gibt es in diesem Spannungsfeld aber einen eigenen
„intermediären Bereich von Erfahrungen, in den in gleicher Weise innere Realität und äußeres Leben einfließen. Es ist ein Bereich, der kaum in Frage gestellt wird, weil wir uns zumeist damit begnügen, ihn als eine Sphäre zu betrachten, in der das Individuum ausruhen darf von der lebenslänglichen Aufgabe, innere und äußere Realität voneinander getrennt und doch in wechselseitiger Verbindung zu halten.“ (Ebd., 11)
Übergangsobjekte
Dieser Bereich geht auf frühkindliche Erfahrungen zurück und wird von Winnicott auch als der Bereich der „Übergangsobjekte und Übergangsphänomene“ bezeichnet. Seine diesbezügliche Theorie, die „von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse“ führt, legt Winnicott folgendermaßen dar: Er geht von der Beobachtung aus, dass Kleinkinder (im breit gesteckten zeitlichen Rahmen zwischen dem vierten und zwölften Lebensmonat) ein in ihrer Nähe befindliches Objekt – einen Zipfel einer Decke, einer Windel oder ein Spielzeug – ergreifen und es zusammen mit den eigenen Fingern in den Mund stecken (ebd., 13). Dieses „Übergangsobjekt“ unterscheidet Winnicott vom „inneren Objekt“ nach Melanie Klein (ebd., 19) Es ist ein reales Objekt, das „nicht die Brust (oder die Mutter) ist“ und gleichzeitig „die Brust (oder die Mutter) bedeutet“ (ebd., 15), (Herv. i.O.).
Wurzeln der Symbolbildung
Die Übergangsphänomene sind die „Wurzeln der Symbolbildung“ in einem Prozess der „Entwicklung des Kindes vom rein Subjektiven zur Objektivität“ (ebd., 15). Der erfolgreiche Verlauf dieses Prozesses hängt davon ab, ob die Mutter im Kind durch entsprechendes Eingehen auf seine Bedürfnisse, zunächst die Illusion der Omnipotenz ausreichend gestärkt hat. Das Kind entwickelt die „Illusion“, dass die Brust Teil des Kindes ist und unter seiner magischen Kontrolle steht (ebd., 20f). Die Übergangsphänomene sind ein frühes Stadium „des Gebrauchs der Illusion, ohne den ein menschliches Wesen keinen Sinn in der Beziehung zu einem Objekt finden kann, das von anderen als Objekt wahrgenommen wird, das außerhalb des Kindes steht.“ (ebd., 22).

Das Kind […] muss die Erfahrung machen, dass es etwas erschaffen kann. In der weiteren Entwicklung gelingt es der „genügend guten Mutter“ dem Kind schrittweise Versagungen zuzumuten und es zu desillusionieren (ebd., 20f). Das Kind lernt Frustrationen zu ertragen und darauf zu reagieren. In dieser Phase kann das Übergangsobjekt einen intermediären Erfahrungsbereich anbieten, in dem die Frage und die Entscheidung suspendiert werden, ob es dieses Objekt der inneren oder äußeren Realität angehört. In diesem Erfahrungsraum kann das Kind die Fähigkeit entwickeln, „Unterschied und Ähnlichkeit zu akzeptieren“ (ebd., 15).
Raum der Paradoxien
Es handelt sich um einen Raum der Paradoxien, deren Widersprüchlichkeit ertragen werden muss. Ein gutes Übergangsobjekt muss vom Kind geschaffen werden, aber es muss vorgefunden werden, damit es geschaffen werden kann (Winnicott 2006, 236). Es ist auch der Raum, der paradoxerweise das Kind gleichzeitig mit der Mutter verbindet und von ihr trennt (Winnicott 2010,119). Diese spezifische Qualität ermöglicht einen Übergang von der Einheit mit der Mutter zu der Beziehung zur Mutter als Objekt außerhalb des Selbst des Kindes (ebd., 25).
„Dieser intermediäre Erfahrungsbereich, der nicht im Hinblick auf seine Zugehörigkeit zur inneren oder äußeren Realität in Frage gestellt wird, begründet den größten Teil der Erfahrungen des Kindes und bleibt das Leben lang für außergewöhnliche Erfahrungen im Bereich der Kunst, der Religion, der Imagination und der schöpferischen wissenschaftlichen Arbeit erhalten.“ (ebd., 25)
[…] Kulturelle Erfahrungen sind in mehrfacher Hinsicht in einem Übergangsraum angesiedelt: im „Wechselspiel von Ursprünglichkeit und Übernahme der Tradition“ (ebd., 215) und „in einem schöpferischen Spannungsbereich zwischen Individuum und Umwelt“ (ebd., 116). Diesen Spannungsbereich nennt Winnicott „potential space“ (ebd., 116). So wie durch das Übergangsobjekt Mutter und Kind gleichzeitig getrennt und verbunden werden, sind Individuum durch den kulturellen Raum gleichzeitig getrennt und verbunden.
Weiterentwicklung
Durch die Begegnung mit der Theorie des Experiencing (Gendlin), mit dem Felt Sense und der Praxis des Focusing, aber ebenso durch das Playback Theater, haben sich mir viele Möglichkeiten erschlossen, die Übergangsraum-Qualität von getrennt und verbunden zu erleben und kreativ zu nützen.
- Donald Winnicott (2019): Vom Spiel zur Kreativität. Klett-Cotta. ↩︎