Bei meiner Kurzpräsentation zur Synergie von Focusing und transkulturellem Lernen im Rahmen der internationalen Sommerschule von interculture.de an der FSU Jena habe ich dieses Bild gezeigt.
Ich erzählte, dass ich das Plakat bei einer Reise in den Straßen von Triest entdeckt hatte und dass es mich „irgendwie besonders angesprochen hat“.

Wenn ich ausdrücken will, was ich damit meine, muss ich erst nach Worten suchen. Ich könnte einfach sagen, dass mir die Farben gefallen. Dafür braucht es keine Erklärung.
Ich könnte es bekannten Formen zuordnen, denn es erinnert mich an Masken, die ich von meinen Aufenthalten in Westafrika kenne. Das könnte ein Grund sein, warum es mich anspricht.
Das stimmt auch alles. Aber da ist noch mehr. Mehr als im Gefühl und der Form steckt. Ich kann genau spüren, was ich mit „besonders“ meine, auch wenn ich es noch nicht in Worte fassen kann.
Wo finde ich dieses „Was ich meine“?
Es steht mir als Körpererleben zur Verfügung. Eugene Gendlin nannte das „felt meaning“ oder „felt sense“, also „gespürte Bedeutung“ oder „gespürter Sinn“.
Hier lädt Focusing ein, innezuhalten, mit dem Unklaren, aber Spürbaren zu verweilen, neugierig zu sein und neue Worte entstehen zu lassen.
Während meines Triest-Besuchs habe ich auch recherchiert, in welchem Zusammenhang das Plakat stand, und fand heraus, dass es Teil einer Ausstellung im öffentlichen Raum war. Diese wurde vom Museum of Art in Fashion mit dem Titel „Borderless“ veranstaltet. Junge Modedesigner:innen haben zu dem Thema Kleidungsstücke entworfen, die sich mit Grenzen und Verbindungen auseinandersetzen.
Das auf dem Foto abgebildete Werk stammt von Mert Serbest, einem türkischen Designer. Hier kann man seine Geschichte nachlesen.
Das erwähnte ich auch bei der Präsentation. Danach sprach mich eine Frau an und erzählte mir, was sie erlebt hatte, während ich die Geschichte vortrug. Sie beschrieb, dass das Bild zunächst eine Art innere Suchbewegung in ihr ausgelöst hatte. Sie suchte nach dem Sinn oder der Bedeutung, konnte es aber vorerst nicht einordnen, was zunächst unbehaglich war. In dem Moment, als ich den türkischen Designer erwähnte, sah sie die Form eines Derwisch-Gewandes vor sich. Da sie selbst Bezüge zu türkischen Symbolwelten hat, erkannte sie diese Form durch den Verweis auf „türkisch“ wieder.
Wie oft beenden wir die Bedeutungssuche, sobald wir glauben, etwas erkannt zu haben?
Wir sprachen dann auch darüber, dass mit dem „Erkennen“ die suchende Offenheit verschwunden war. Es ist wichtig, den Übergang von einer implizit gespürten Bedeutung, einem „felt meaning“, zu einer expliziten Form zu bemerken. Ich „erkannte” afrikanische Masken, sie „erkannte” ein Derwisch-Gewand. Beide haben zwar eine gewisse Ähnlichkeit in der Form, ihre Bedeutungen sind jedoch sehr unterschiedlich.
Das Erkennen einer bekannten Form engt die Möglichkeit ein, das Mehr an Bedeutungsmöglichkeiten wahrzunehmen. Im ungünstigen Fall können Deutungskonflikte entstehen, weil Menschen in einer Situation Unterschiedliches, auch Widersprüchliches „erkennen“. Focusing lädt in diesem Fall dazu ein, durch Bezugnahme auf „felt meaning“ wieder „zwischen die Formen“ hineinzuspüren und sich für einen neuen Bedeutungsprozess zu öffnen.
Zusammenfassend stellt sich die Frage: Inwiefern hilft mir das Einbeziehen des Felt Sense?
– Ich übe, wahrzunehmen, was über das Bekannte hinausgeht.
– Ich lerne, Nicht-Wissen und Uneindeutiges auszuhalten und neugierig zu bleiben.
– Ich übe, anderen gut zuzuhören, während wir versuchen, auszudrücken, was wir meinen, und uns dabei gegenseitig kennenzulernen.
– u. v. m.
All das sind Fähigkeiten, die wir (nicht nur) in der transkulturellen Praxis benötigen und die wir durch Focusing/Felt Sensing praktisch üben können.
Gerade die bewusste Verankerung im Körpererleben, ermöglicht die Öffnung für ein grenzenloses („borderless“) Feld gemeinsamer Kreativität.
Im Workshop Focusing und (inter)kulturelle Komplexität. Beziehungsraum für den Umgang mit Anderssein entdecken, gibt es die Möglichkeit praktische Anwendungen von Felt Sensing kennenzulernen.
Eine ausführlichere Beschreibung der Synergie von Focusing und transkulturellem Lernen findet sich ich in diesem Artikel.