Götz Aly (2025): Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933-1945
Der Historiker Götz Aly zeigt in seinem erhellenden Buch, mit welchen Machttechniken in Hitlerdeutschland breite Teile der Bevölkerung geblendet und zum Mitmachen oder Stillhalten gebracht wurden.
Er schließt damit eine wichtige Lücke im Verständnis des Mitläufertums jenseits der abstrakten Kategorie „die Nazis“ und zeigt auf, was sich daraus lernen lässt.
Die zentrale Frage ist: „Wie konnten sich die Ende 1932 noch ziemlich festen moralischen Normen der allermeisten Deutschen derart schnell verflüssigen? Wie konnten sie unter den Bedingungen des Kriegs förmlich verdampfen, sodass ein ganzes Volk binnen weniger Jahre auf den kurzen, immer abschüssigeren Weg zur national-sozialen Volksgemeinschaft und von dort zu Verbrechensgemeinschaft einschwenkte?“ (S.664f)
Ich möchte (notwendigerweise lückenhaft) ein paar ausgewählte Gedanken aus dem Buch vorstellen.
Aly zeigt, wie das Hitlerregime demokratisch an die Macht kam und zunächst vor allem auf „weiche“ Machtmittel setzte, insbesondere die Medienkontrolle. Große Wirkung hatten soziale Maßnahmen der Volksfürsorge wie der Schutz vor Delogierungen oder günstigere Medikamente, die den Alltag vieler spürbar erleichterten.
Gleichzeitig trafen sie auf viele junge, aufstiegswillige Menschen. Partei, Militär und die Verdrängung von Juden eröffneten neue Aufstiegsschancen über Klassen hinweg. Auch in der Führungsriege der NSDAP waren überwiegend Männer um die 30 Jahre. Diese konnten an den verbreiteten Antisemitismus anknüpfen und nahmen so auch Menschen mit, die nicht unbedingt ideologische Nationalsozialisten waren.
In vielen kleinen Schritten, die wohltätig und gleichzeitig vertraut und modern schienen, wurde die soziale Basis für eine Verbindung von Volk und Führer geschaffen. Offener Zwang gegen die eigene Bevölkerung spielte erst in den späteren Kriegsjahren eine zentrale Rolle.
Die schiefe Ebene in Hitlerdeutschland: von der national-sozialen Volksgemeinschaft zur Verbrechensgemeinschaft
Anfangs wurde das Volk geblendet durch Wohlfahrt, Aufstiegsversprechen und neue Aufbruchserfahrungen, zum Beispiel im Reiseprogramm „Kraft durch Freude“. Anhand vieler Belege zeigt Aly, dass die Deutschen keinen Krieg wollten, aber durch die anfänglich unblutigen Einmärsche mitgenommen wurden. „Der Krieg als Reisebüro des kleinen Mannes“ brachte junge Soldaten nach Paris und ihren Frauen zu Hause Seidenstrümpfe.
Parallel dazu begann das Ausrauben der jüdischen Bevölkerung, von deren Enteignung die breite Bevölkerung bei Auktionen profitierte und damit zu einer „Schuldgemeinschaft“ verbunden wurde. Deportationen wurden vom Regime bewusst vor aller Augen durchgeführt, um das Band der Mitwisserschaft zu stärken. Anhand von Tagebuchmaterial und Zitaten aus öffentlichen Reden zeigt Aly wie Goebbels das Empfinden einer Kollektivschuld bewusst hervorrief. Beispielhafte Briefe zeigen, wie weit verbreitet das Wissen über die Grausamkeiten im Osten auch „zu Hause“ war. Die Deutschen waren immer mehr in eine „Verbrechensgemeinschaft“ verstrickt.
Durch die Niederlagen in Russland wurde klar, dass die Lage aussichtslos war. So gab das Regime die Parole „Sieg oder Untergang“ aus, um verbindende „Kraft durch Angst“ zu mobilisieren. Es gäbe kein zurück, war die Botschaft. Die Deutschen wussten um die von ihnen verübten Gräuel und rechneten damit, dass die Gegner sich am Ende mit der gleichen Grausamkeit an ihnen rächen würden. Nur diese „Kraft durch Todesangst“ kann erklären, warum bis zuletzt gekämpft wurde, auch von Menschen, die das Regime nicht (mehr) unterstützten.
Der 2. Weltkrieg als „mörderische Konkursverschleppung“
Schon ab 1936 rutschte Hitlerdeutschland durch die Kriegsvorbereitungen in massive Budgetdefizite. Schulden wurden zum finanziellen Motor der Verbrechen des NS-Regimes.
Sie mussten ausgeglichen werden, ohne die Bevölkerung zu informieren und zu belasten. Die einfachste Strategie: Raub.
Jüdische Vermögen wurden systematisch erfasst und im Budget eingeplant, der „Anschluss“ Österreichs brachte zusätzlich Geld. Mit dem Krieg wuchs der Bedarf: Rohstoffe, Nahrung und Besitz aus eroberten Gebieten wurden geplündert.
Aly zeigt, wie immer neue Formen der Beraubung genutzt wurden, um selbst verursachte Finanzprobleme zu „lösen“: „Raubkrieg statt Staatsbankrott“ (S. 279ff) Um die Menschen nicht zum Nachdenken kommen zu lassen, trieb Goebbels voran: „Tempo, Tempo, Tempo“.
Der Zusammenhang zwischen ökonomischen Interessen und Vernichtungspolitik wurde schon in den 1960ern von Historikern herausgearbeitet, setzte sich aber kaum durch, steht sie doch in Widerspruch zur Betonung des „Rassenwahns“ als treibender Kraft.
Jedenfalls ist belegt, dass rassenideologische Ideen und ökonomische Argumente auch öffentlich eng verknüpft wurden, z.B. in der Propaganda zur Euthanasie, wo Menschen mit Behinderung als Kostenfaktor dargestellt wurden. Daher müssen wir wachsam sein, wenn wie z.B. zuletzt wieder in Österreich in Kampagnen gegen Migrant:innen mit angeblichen Belastungen durch (Spitals-)Kosten argumentiert wird.
Der Historiker Götz Aly nimmt in seinem Buch „Wie konnte das geschehen?“ die Leserin mit durch die Geschichte von der Verblendung bis ins Unheil, sodass das Abrutschen nicht nur verständlich sondern auch spürbar wird. Damit vermittelt er sozial-psychologische Einsichten jenseits rassen-ideologischer Erklärungen.
Ich kann hier nur einige Gedanken wiedergeben, aber das Buch ist so wichtig, weil es hilft, die vielfältigen politischen Strategien „hinter“ der Rassenideologie zu verstehen, die zeigen, wie Menschen dazu gebracht wurden (und immer noch dazu gebracht werden können), in einem mörderischen System „mitzuspielen“. Das auf die Niederlage folgende Schweigen ist nun für mich besser nachvollziehbar.
Februar 2026